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Anne Dahm-Puchalla      


Rede von Dr. Till Busse

 zur Eröffnung der Ausstellung "vanitas vanitatum - Alles ist eitel"

 am 18.11.2012 in St. Theodor, Köln:


Das ist die Welt:

 Sie steigt und fällt

 Und rollt beständig,

 Sie klingt wie Glas

 Wie bald bricht das!

 Ist hohl inwendig.


 In Goethes Versen aus dem Faust I scheint eine uralte Thematik auf, die auch den Titel unserer heutigen Ausstellung prägt. Alles ist eitel, die Welt verändert sich und dreht sich in einem ständigen Prozess des Sterbens und Geborenwerdens. Die Eitelkeit weltlichen Besitzes, den man letztendlich doch wieder abgeben muss, die Vergeblichkeit menschlichen Ehrgeizes oder menschlicher Beziehungen, denen das Wort Abschied schon im ersten ausgetauschten Blick ansieht, Vanitas ist ein Thema menschlichen Nachdenkens, das geradezu die Voraussetzung des Religiösen ist.


 Das Wort Vanitas entstammt dem lateinischen und bedeutet eigentlich Leere. Es wurde in der Regel verwendet, um auf diese Bedeutungslosigkeit des Lebens und die Vergänglichkeit irdischer Belange anzuspielen, es ist eine der melancholischen Sinnfragen an sich und impliziert eine negative Antwort. Der Mensch ist ein leeres Gefäß, ein zerbrechliches zudem, das anders angefüllt werden muss als mit materiellem.


 Der Begriff des Gefäßes als Metapher für menschliche Körperlichkeit erscheint in einer großen Zahl religiöser Texte quer durch die Weltreligionen. So schreibt schon Paulus im zweiten Korintherbrief:

 Durch uns hindurch sollen alle Menschen Gottes Herrlichkeit erkennen, die in Jesus Christus sichtbar wird. Diesen kostbaren Schatz tragen wir allerdings in irdenen Gefäßen. Denn so wird jeder erkennen, dass die außerordentliche Kraft, die in uns wirkt, von Gott kommt und nicht von uns selbst. Denn obwohl uns die Schwierigkeiten von allen Seiten bedrängen, lassen wir uns nicht von ihnen überwältigen.

 Auf einem der Werke Anne Dahm-Puchallas erscheint dagegen ein Ausspruch Laotses, der sich ebenfalls mit dem Begriff des Gefäßes auseinandersetzt:

 Ton knetend formt man Gefäße, doch erst ihr Hohlraum, das Nichts, ermöglicht die Füllung. Das sichtbare, das Seiende, gibt dem Werk die Form. Das Unsichtbare, das Nichts, gibt ihm Wesen und Sinn.


 Hier zeigt sich ein fundamentaler Unterschied zwischen Orient und Okzident, zwischen Christentum und ostasiatischem Denken. Während Paulus den Menschen als – wenn auch zerbrechliches - Gefäß für eine göttliche Kraft ansieht, ist für Laotse gerade die Leere ein positiv besetzter Begriff, ein Gedanke der sich auch im Denken des Zen-Buddhismus wiederfindet. Leere bedeutet hier in erster Linie die Abwesenheit von Leiden. Man muss vor der Leere keine Angst haben und tatsächlich ist dieser fernöstliche Gedanke auch in der Poesie der Europäischen Moderne zu finden, er ist das was der Romanist Hugo Friedrich als leere Transzendenz bezeichnet hat. Gott ist eine Leerstelle, die wir als Menschen der Moderne oft nicht wissen können. Der Mensch selbst allerdings kann auch, wenn man dem lateinischen Dichter Terenz Glauben schenken kann, ebenso recht leer sein, denn laut Terenz ist der „Mensch (...) eine Luftblase“, d. h. er ist ebenso fragil und vergänglich. Ähnlich liest man im Satyrikon des Petronius „Weh, o weh! Als aufgeblasene Schläuche gehen wir umher. [...] Wir sind nicht mehr wert als Luftblasen“. Die Erkenntnis "Homo bulla" - der Mensch ist wie eine Seifenblase - erscheint in vielfach abgewandelter Form in sogenannten Vanitas - Stillleben. In Stillleben tauchen in gleicher Bedeutung oft auch Glas- und Kristallkugeln auf und damit sind wir wieder bei Goethe steigender, fallender, gläserner Welt.

 Auf einem Kupferstich des barocken Künstlers Hendrick Goltzius findet sich folgender Vers von Franco van Est:

 "Die frische Blume, leuchtend im Frühling und duftend, verwelkt plötzlich und die Schönheit vergeht schnell. So vergeht auch das Leben der eben Geborenen und entflieht gleich einer Seifenblase aus leerem Dunst."


 Estius gibt damit eines der entscheidenden Motti für die Stillebenmalerei der kommenden Jahrhunderte vor. Sind Stillleben in der Kunst der Barockzeit oft Machtdemonstration und Entfaltung von Abundantia, Vorführungen von Kunstfertigkeit und Illusionismus, von überquellendem Reichtum, so fehlt doch meist nicht die leicht angefaulte Frucht oder die über das Gemälde krabbelnde Fruchtfliege. Gerade das 17. Jahrhundert, geprägt durch wüste Kriege, äußersten Hunger und grausame Armut in Mitteleuropa, bringt geradezu eine Kunst des schlechten Gewissens hervor, in den am Rande der Konflikte liegenden Niederlanden, einer einsamen Insel des Reichtums.


 Im Gegensatz hierzu stehen spanische Stillebenmaler wie Francisco Zurbarán, der tatsächlich nur leere Gefäße malte. Zurbaráns Ästhetik taucht dreihundert Jahre später wieder bei Giorgio Morandi auf, einem italienischen Stilllebenmaler, der ebenso nur Hüllen malte, Flaschen, Vasen, menschengemachte Objekte, in einer zurückhaltenden, oft stumpfen Farbigkeit, die den Maler als Asketen der Moderne in seiner Beschränkung auf einfachste Formen erscheinen lässt.

 Anne Dahm-Puchalla stellt in Sankt Theodor zwei verschiedene Werkgruppen aus, die in jüngster Zeit entstanden sind und sich in gewissem Sinne zwischen diesen Polen von Abundantia und Kargheit bewegen.


 Während einer Ausstellung in der Galerie Kunstraub Anfang 2012 zeigte die Künstlerin vier Stillleben, welche die vier Jahreszeiten widerspiegeln sollten. In zarten pastelligen Farben erschienen weiße Tulpen für den Frühling, Rosen und Kirschen für den Sommer, Astern, Wein und Äpfel für den Herbst, weiße Lilien und leere Gläser im Winterbild. Schon bald empfand die Malerin die Sache als zu gefällig, vielleicht auch als zu üppig, und sie versuchte, die Thematik zu brechen, indem sie Zitate aus Interviews mit Obdachlosen zu den vier Jahreszeiten auf Acrylplatten schrieb und sie auf ihre gemalten Bilder montierte. Die Idylle der Stillleben und die materiellen Geschenke der vier Jahreszeiten, die ja nicht jeder erhält, wurden so mit den ganz anderen, existentielleren Erfahrungen der Berber kontrastiert. Während der Studienrat im Dezember an den adventlichen Kaffee und an das dazugehörige Stillleben aus Printen und Porzellan denken mag, empfindet der Mensch ohne Dach über dem Haupt, den Weihnachtsfrieden als brüchig und muss sein Zelt unter der Brücke mit Teelichtern heizen. In einem zweiten Anlauf, der nun hier gezeigt wird, übermalte Dahm-Puchalla dieselben Leinwände mit einer gestischen Malerei, die wie ein Schleier über den Bildmotiven hängt, aber in Durchbrüchen immer wieder Fragmente der Realität freigibt, Blüten, Früchte, farbige Akzente. So ist eine neue Werkserie entstanden, die sich über die kleinteilige, teils penible Feinmalerei der darunterliegenden Arbeiten hinwegsetzt und den Bildern oft eine andere und vielleicht stringentere Struktur verleiht. Licht bleibt diese Vision der Jahreszeiten jedoch allemal. Die Texte der Obdachlosen können nun und hier- auf Papier gedruckt- mitgenommen werden. Übermalungen sind in der Kunst der Moderne durchaus häufig, so bestehen Werke von Gerhard Richter, die sogenannten Rakelbilder, oft aus 15 bis 20 Farbschichten übereinander, weil der Künstler mit sich selber im Prozess des Schaffens einen Dialog von Vorschlagen und Verwerfen auf der Leinwand ausficht. Diesen muss man Dahm-Puchalla ebenso unterstellen – Übermalungen erscheinen aber auch in der oft religiös inspirierten Malerei des Wiener Malers Arnulf Rainer oder in frühen Arbeiten des amerikanischen Pop-Art-Künstlers Robert Rauschenberg.


 „Ich bin das Gefäß. Gottes ist das Getränk. Und Gott der Dürstende.“

 (Dag Hammarskjöld)


 Eine weitere Gruppe von Arbeiten wiederum stellt nun leere Gefäße vor, in einer kargen, grauen oder braunen Ton-in-Ton-Malerei. Hier steht Dahm-Puchalla in der Tradition Cézannes, Morandis oder letztendlich Zurbaráns, doch bezieht sie sich ebenso – bedingt auch durch ihr familiäres Umfeld – auf die Ästhetik de Wabi – Sabi.


 Wabi – Sabi ist eine Ästhetik des Einfachen, des Abgelebten und des Abgewetzten, die sich aus dem Zen-Buddhismus speist und aus dem Umfeld der japanischen Tee-Zeremonie entstammt. Entstanden im 15. und perfektioniert im 16. Jahrhundert, hat sie mit Understatement ebenso zu tun wie mit dem Gedanken der Endlichkeit menschlichen Lebens. Es gibt hier erstaunliche Berührungspunkte mit zeitgleichen Tendenzen in der europäischen Kultur, gerade in Spanien und in England, später auch in Frankreich. „Dinge gehen entweder ins Nichts über oder entwickeln sich aus dem Nichts“ – diese Allgegenwart von Verfall und Absterben spiegelt sich in den scheinbar unvollkommenen Gefäßen der Tee-Zeremonie, Schalen und Kannen mit Sprüngen und Fehlbränden, die auf das Verwehen alles Irdischen deuten. Auch Dahm-Puchallas Gefäße umfassen das Nichts, ihre Maloberflächen zeigen Schrunden und Zeitspuren – und doch scheinen einige dieser Gefäße von innen zu leuchten. Die Teezeremonie ist in erster Linie eine Feier eines einzigartigen Moments flüchtiger Gemeinsamkeit, der als Moment der Liebe umso kostbarer wird. Ein Kölner Karnevalsverein würde vielleicht gemütvoll singen: „So jung kommen wir nie wieder zusammen ...“ Um es mit Paulus zu sagen: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle“. Ohne das Miteinander, das Soziale, den Funken, der überspringt und uns verbindet – blieben wir alle hohle Gefäße.

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 05.05.2011

 Ressort: QS

 

 Von Augenblicken und der Dauer

 

 AUSSTELLUNG Mutter und Sohn präsentieren Malerei und Fotografie im Bezirksrathaus

 

 VON JÜRGEN KISTERS

 

 Lindenthal. Wenn in einer Ausstellung gleichzeitig Malerei und Fotografie gezeigt werden, liegt es nahe, nach "Beziehungen" zu suchen und beide miteinander zu vergleichen. Sich der besonderen Eigenschaften des einen und des anderen Mediums zu vergewissern. Und die Frage aufzuwerfen, wie sie unsere Erfahrung von Wirklichkeit widerspiegeln und vielleicht sogar prägen.

 Diese Möglichkeit bieten die Malerin Anne Dahm-Puchalla und der Fotograf Tobias Dahm derzeit in der VHS-Galerie-Lindenthal. Da es sich um Mutter und Sohn handelt, kommt zusätzlich die Frage auf, ob unterschiedliche Generationen in der Darstellung gleicher Themen und Motive unterschiedliche Medien wählen. So sind die Zeiten, in denen es der Malerei um die realistische Wiedergabe von Gegenständen und Figuren ging - trotz der jüngsten Belebung des malerischen Realismus - lange schon vorbei.

 

 Mit leichter HandDas führt uns Anne Dahm-Puchalla mit ihren Gemälden und Skizzen eindrucksvoll vor Augen. Bereits mit den Impressionisten, insbesondere durch Maler wie Monet, van Gogh und Cezanne, verlagerte sich das malerische Interesse Ende des 19. Jahrhunderts hin zu einer Sichtbarmachung von einzigartigen Wahrnehmungs- und Empfindungsmomenten. Zwar bleibt der Bezug zur gegenständlichen Welt bestehen. Doch jedes Ding, ob Tasse, Tischdecke oder Blumenvase, erweist sich neben seiner Erkennbarkeit als praktisches Alltagsobjekt als Träger von Empfindungen und Träumereien. Mit leichter Hand und zarten Farben taucht Dahm-Puchalla in die malerische Wirklichkeit einer Poesie ein, in der es auf viele kleine Nuancen ankommt. Das sind die Nuancen, die in einer kräftig leuchtenden roten Blüte bereits ihre Vergänglichkeit erkennen lassen. Es sind die Nuancen, die einen Menschen in der Anschauung eines still dastehenden Gefäßes auf sanfte Weise bereits die Regungslosigkeit des Todes erahnen lassen. Diese Erfahrung ist das Thema des klassischen Stilllebens, von der Malerin mit satten Farben schwungvoll in die aktuelle Gegenwartserfahrung gebracht. Viel Weiß ist ihren Farben beigemischt. Und das Weiß sorgt dafür, dass wir ihre Bilder bei aller Melancholie als leicht und versöhnlich erleben.

 

 Kann eine ähnlich existenzielle Erfahrung auch mit der Fotografie zum Ausdruck gebracht werden? Tobias Dahm hält den Schatten des durch die Luft springenden Skaters in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme fest. Er zeigt das junge Liebespaar, das im Sonnenuntergang auf einem Felsen steht. Versucht der Fotograf von vorneherein, eine ganz andere Erfahrung im Bild festzuhalten, wenn er auf den Auslöser drückt? Dahms Bilder lassen jedenfalls vermuten, dass es ihm weniger auf eine Darstellung der Vergänglichkeit des Lebens ankommt als darauf, bestimmte Augenblicke der Vergänglichkeit zu entreißen. Er fotografiert die Karussell-Fahrer auf der Kölner Kirmes, um die Faszination an ihrem Rotations-Flug über den gesehenen Moment hinaus in Erinnerung zu behalten. Er zeigt die Himmelsspiegelung in einer Pfütze, um ihre gefühlte Einzigartigkeit über ihre Momenthaftigkeit hinaus zu erhalten.

 

 Der diplomierte Sozialarbeiter und leidenschaftliche Fotograf erweist sich als ein Sammler von Augenblicken, die ihn aus unterschiedlichen Gründen berühren. Weil er darin eine Geschichte erkennt, einen poetischen Hauch oder den Zauber einer formalen Struktur.

 

 Die Fotografie erweist sich für Tobias Dahm als Medium des Augenblicks. Für Anne Dahm-Puchalla ist die Malerei ein Medium der Dauer. So könnte ein erstes vergleichendes Fazit lauten. Doch man ahnt sogleich, dass die Vergänglichkeitsmalerin für den Augenblick malt. Und dass der Augenblicks-Bewahrer das unvermeidliche Gesetz des Vergehens und Verschwindens keineswegs außer Kraft setzen kann.

VHS-Galerie Lindenthal, Aachener Straße 220, Mo-Fr 9-20 Uhr, bis 30. Mai.

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Ausstellung "Beziehungen"

 

 Anne Dahm-Puchalla und Tobias Dahm

 

 Bezirksrathaus Lindenthal

 

 Nicht nur aus unterschiedlicher künstlerischer Sicht nähern sich Anne Dahm-Puchalla und Tobias Dahm in ihrer ersten gemeinsamen Ausstellung einem Thema, in dem sehr persönlich, aber auch übergreifend die Auseinandersetzung mit „Beziehungen" im Mittelpunkt steht. Ausgehend von ihrer eigenen Beziehung als Mutter und Sohn und von der Wirkung ihrer malerischen und fotografischen Werke, hier auch in Beziehung zueinander gesetzt, werden gleichzeitig über die Frage der Eigenwahrnehmung unterschiedliche Beziehungsdimensionen angesprochen und hinterfragt.

 

 Auf die Stadt Köln und ihre Umgebung konzentrieren sich die meisten der hier ausgestellten etwa zwanzig Fotografien von Tobias Dahm, die in den letzten drei Jahren entstanden. Seine Begeisterung für das Verfahren der Fotografie und deren Möglichkeiten bildete er in der Fotoschule Köln weiter aus, um Eindrücke, Stimmungen und Erlebnisse durch das Auge der Kamera einzufangen. Schon berufsbedingt entwickelte der ausgebildete Sozialpädagoge durch seine Arbeit und Erfahrungen als Sozialarbeiter und Streetworker eine besondere Beziehung zum Geschehen dieser Stadt und ihrer Menschen. Sensibilisiert für den einen einzigartigen Moment wird dieser in der Begegnung des Fotografen mit der urbanen Landschaft Kölns ausdrucksstark in Schärfe, Kontrast oder Auflösung in Szene gesetzt und erreicht in seinen Aufnahmen einen hohen visuellen Reiz.

 

 Dem Betrachter ist zwar bewusst, dass viele der Fotografien aus individuellem Blickwinkel heraus einen Ausschnitt der Realität ablichten, er erkennt sie jedoch nicht immer sofort. Eine verfremdende Wirkung tritt dann ein, wenn Tobias Dahm sich vom eigentlichen Motiv zu lösen beginnt, wenn er dieses durch farbliche Akzente wie dem „Color Splash" nachträglich überzeichnet, mit der Belichtung experimentiert, auch einen ungewöhnlichen, irritierenden Standpunkt ansetzt und das Spiel mit Nähe und Ferne, mit Schärfe und Unschärfe sogar bis zum Eindruck der Abstraktion als bildbestimmend einsetzt. („Kletterseil mit Karabinerhaken") Zugunsten der Bildwirkung wird die Wirklichkeit vor der Linse durch fotografische Gestaltungsmittel wie der anschließenden Zurücknahme der Farbigkeit zu abgeschwächten Grautönen oder der radikalen Reduzierung auf Schwarz-Weiß modelliert und manipuliert. Fast scherenschnittartig umrissen scheint z.B. der schwarze Schatten eines Skaters den Höhepunkt seiner dynamischen Bewegung in sich zu bündeln („Skaterschaffen"), - fügen sich im schwarzweißen Foto „Stufenweise" die angeschnittenen, fast diagonal verlaufenden Treppenlinien vor dem Kölner Dom mit der sich überschneidenden Vertikale des Geländers und dessen Schatten zu einem ganz eigenen Muster zusammen. Ein weiteres Gestaltungsmittel ist das Miteinbeziehen der Zentralsymmetrie in den „Tunnelbildern"; wie eine golden und silbrig schimmernde Röhre vermittelt die Tiefenwirkung des „Stockholmer Tunnels" den Eindruck, als würden die darin befindlichen Personen wie in einem Sog am Tunnelende verschluckt werden. In der Fotografie „Pinke Tasche" betont die strenge Konstruktion der Deckenbeleuchtung nicht nur die Weite des Tunnels, sondern markiert gleichzeitig auch eine unsichtbare Trennungslinie zwischen den drei abgebildeten Passanten. Hier stellt sich die pinke Tasche der ansonsten zurückhaltenden Farbigkeit im Bild als „eyecatcher' entgegen und lenkt die Aufmerksamkeit verstärkt auf die Frau.

 

 Trotz der Authentizität, mit der ein Objekt flüchtig als sog. „Snapshot“ festgehalten wird oder durch die Unmittelbarkeit des gerade Geschehenen, auf das Tobias Dahm durch das Stilmittel der „Lomographie", des unreflektierten, spontanen „aus der Hüfte Schießen", sein Hauptaugenmerk lenkt, wird der Rahmen der scheinbaren Verlässlichkeit des Erkennbaren durchbrochen.

 

 Der Fotograf spielt mit der Wirklichkeit. Etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes tritt an deren Stelle und verleitet den Betrachter dazu, seine Gedanken zu einer eigenen Geschichte zu verknüpfen. So könnte in einem Zufall etwas Bedeutsames gesehen werden, wie in der kleinformatigen Fotografie „Am Wendepunkt vorbei", wo ein Paar auf seinem gemeinsamen Weg eben diese im Bildtitel enthaltene Symbolik nicht erkennt, - sie dem Betrachter aus seiner Perspektive jedoch zugespielt wird. Der Faktor Zufall greift auch wieder in der Fotografie „Über die Linie getreten“ kompositorisch mit ein und involviert uns als Zeuge einer Beobachtung, die ebenso wieder Raum für Interpretation zulässt: hier ist es der Kontrast zwischen Hell und Dunkel, dem Wirken von Licht und Schatten, eine Frage des Standorts und des einen unbewussten Schrittes, der die erdachte Tragweite unserer Gedanken lenkt.

 

 Immer wieder tauchen auch die beiden Spitzen des Kölner Doms in den Bildern von Tobias Dahm auf, sie sind das unverwechselbare Logo dieser Stadt, die liebevolle Identifikation mit ihr, sind Orientierung selbst im „Verklärten Blick". Sogar aus Sicht der Menschen, die in der Fotografie „Köln Kirmes" auf dem Kettenkarussell in der Luft dahinschweben, bleibt die großartige Silhouette des Doms in der gebirgigen Architektur des ins Abendlichts getauchten Hintergrundes der standhafte, ja fast wehrhafte Fixpunkt. In dem durch Licht und Spiegelung untermalten, stimmungsvollen Panoramabild „Paarweise" nutzt der Fotograf die beiden Domspitzen als kompositorische Ergänzung zu dem jungen spazierengehenden Paar und unterstreicht dadurch den - vielleicht auch nur zufällig sich ergebenen - Eindruck von Zugehörigkeit. Schließlich bringt er sich in dem von scharfen Kontrasten bestimmten Foto „Beziehung" durch seinen eigenen Schatten in das Bildgeschehen mit ein, ermöglicht aber auch gleichzeitig dem Betrachter aus der Distanz heraus, an der fast wie in einem Kammerstück arrangierten Szene zwischen Mann und Frau teilzuhaben.

 

 In dieser Ausstellung verdeutlicht uns Tobias Dahm eindrucksvoll die besondere Beziehung zwischen ihm und den Motiven, die er unmittelbar oder behutsam in seinen Fotografien aufgreift, und die er manchmal sogar nach Jahren für sich wiederentdeckt. Deren Wahrnehmung und Reaktion durch den Betrachter ziehen wiederum eine Wechselbeziehung nach sich. So ist es immer die Beobachtung und das Bewusstmachen menschlicher Interaktionen und Formen der Kommunikation, Verhaltensmuster und Auffälligkeiten, auf die der Fotograf in dieser Ausstellung aufmerksam machen will als Wirkung vielfacher Beziehungsstrukturen, die unser Leben prägen.

 

 Auch Anne Dahm-Puchalla stellt sich in zeitnahe entstandenen und paarweise einander zugeordneten Acrylbildern „inneren" und „äußeren" Beziehungslandschaften. Die Künstlerin, die in Köln und Freiburg Kunst und Deutsch studierte, ließ sich neben ihrer Lehrtätigkeit an der Schule als Kunsttherapeutin ausbilden, um u.a. mit Langzeiterkrankten zu arbeiten, aber auch sog. „Trauer-und Mal-Seminare" an einer Privaten Trauerakademie anzubieten. Seit 1994 ist die freischaffende Künstlerin, - Mitglied in der Kölner Künstlergruppe „Sichtbar", dem Dormagener Kunstverein Galerie-Werkstatt Bayer Dormagen und im Bonner Verein Frauenmuseum - jährlich in Ausstellungen vertreten.

 

 Ihre vermittelnde Erfahrung, durch Kreativität ein in Bedrängnis geratenes „Innerstes" auffangen und bedrückende „innere Bilder" durch ein Ventil aus Farbe und Form entlasten zu können, wirkt sich auch auf das eigene künstlerische Schaffen aus. Während Tobias Dahm aus der Perspektive des Fotografen sein Motiv zunächst aus der Distanz heraus von „außen' aufgreift, um es dann mit einer inneren Botschaft zu verbinden oder zu belegen, visualisiert Anne Dahm-Puchalla aus der Tiefe ihrer eigenen Wahrnehmung heraus innerste Gefühle, Eindrücke und Erkenntnisse, indem sie diese mit ihren expressiv-abstrahierenden malerischen Mitteln nach außen transportiert.

 

 In ihrer Serie „Paare“ findet der Bezug zu sich selbst seinen Niederschlag in den beiden Werken „Annäherung I" und „Annäherung II". Auf den ersten Blick zwar ähnlich, ist der Bildträger in völliger Abstraktion doch zweifach gestaltet, der Eindruck durch die lichten Farben gleichtragend, aber dennoch Spuren hinterlassend, die sich unterschiedlich verdichten, durchscheinen und den Malduktus, den Schwung mit dem Pinsel, das Rinnsal der Farben, andersartig dokumentieren. Eine vorsichtige Annäherung erfolgt wohl auch von Seiten der konträren Farben, mit dem vereinzelten strahlenden Blau auf heller Oberfläche. Die Eigenannäherung aus abweichenden Blickwinkeln macht deutlich, dass die Selbstreferenzialität abhängig ist von einem ständig wirkenden, sich verändernden und ineinander verwobenen Netz zwischenmenschlicher, sozialer und kultureller Beziehungen und Impulse, auf die das eigene Verhalten abgestimmt wird und reagiert.

 

 Ähnlich wie ihr Sohn geht auch Anne Dahm-Puchalla auf die Wirkungskraft eines Momentes ein, um diesen künstlerisch zu erheben. Unter dessen Eindruck begegnet sie ihrem Motiv aus wechselnder räumlicher oder zeitlicher Perspektive, erarbeitet das Thema ihrer Bilder abstrahierend, die Gegenständlichkeit umschreibend. In ihren Werken „Unter den Tisch gekehrt I und II" füllt der wohl gleiche Tisch fast das ganze Bild aus, wie abgeschnitten am oberen Bildrand, sich dabei groß im Vordergrund aufbauend. Nichts wirklich beunruhigendes geschieht - und dennoch schleicht sich ein Rest von Misstrauen ein, die Beobachtung, dass die Vase bedrohlich nahe am Tischrand steht, die Frage, was wohl unter den Tisch gekehrt wurde, welches Schattenhafte sich dort eventuell verbirgt?

 

 Wie in den Fotografien von Tobias Dahm tritt auch in ihren Bildern der Faktor Zufall als „Pulsschlag" des Werkprozesses mit ein. Der Reiz des Flüchtigen aber, den auch das Auge der Kamera einfängt, wird in den Werken der Malerin durch den Pinsel konserviert: Schichten von Farben bauen sich fast haptisch auf, erzeugen Spannung durch starke Kontraste, beleben die Bildoberfläche, verleihen ihr Struktur und Materialität.

 

 In den Werken Anne Dahm-Puchallas entsteht eine Vielschichtigkeit, die das Unmittelbare „entflüchtigt", sich dem „Abrieb" durch die Zeit dennoch nicht entziehen kann. Zeit, die sich aus unzähligen einzelnen Sequenzen zusammensetzt, aus einer Kette von stetig aufeinanderfolgenden Momenten, ist in ihren Bildern unterschwellig immer wirksam. Jeder einzelne Wimpernschlag der Zeit hinterlässt Spuren, verändert und wandelt. Dieses wird in den beiden Stillleben „Memento mori I und II" hinterfragt - und damit gleichzeitig auch der eigene Bezug zur Sterblichkeit: auf dem unterschiedlich abgetönten Grau des Bilduntergrunds weisen einzelne Gefäße, transluzid und zerbrechlich wirkend, auf den „Vanitasgedanken" hin und deuten, wie die rot hervorgehobenen welkenden Blüten, Vergänglichkeit und Zerfall an.

 

 In ihren Arbeiten mit dem Titel „Jetzt I" und „Jetzt II" dokumentiert sie den Ablauf von Zeit als kalendarisch überschaubar. Wie umhüllt, geschützt wirkende oder eingerahmte Kritzeleien, Farbklekse, Fragmente einzelner Textseiten mit dem indirekten Hinweis auf „einen Tag", auf einen ganz bestimmten „Montag" oder konkret auf den 23. Juli als dem Entstehungsdatum des Bildes selbst, erscheinen dem Betrachter wie persönliche Hieroglyphen der Künstlerin. Dies wiederholt sich auch im Bild „Mir reichts“ mit der Aufgabe, einen Zusammenhang zwischen tagebuchartig verfasstem, gerahmten Protest und anderen verklausulierten Zeichen im Bild herzustellen, - falls es ihn gibt.

 

 Die Beziehung zur Literatur, mit dem geschriebenen und nachhaltig wirkenden Wort als Speicher von Erlebtem und Gefühltem, wird ganz offenkundig aber in der nummerierten Serie „Bibliothek". Ähnlich wie in der Abfolge „Paare" wird hier der Buchdeckel zum zweifachen Bildträger, auf dem die Künstlerin vor allem die Farbe reagieren lässt. In der „Bibliothek 69" wirkt die vor schwarz-weiß gestaltetem Hintergrund leuchtende Rose wie ein Motiv, das Tobias Dahm in seinen Fotografien mittels „Color splashing" bearbeitet, um es hervorzuheben. Die Künstlerin nimmt direkt Bezug auf den Inhalt dessen, was der Buchdeckel als archivierende Hülle in sich geborgen hielt.

 

 In der „Bibliothek 68" ist es Emile Zolas Roman „Nana". Farben, mit derben Pinselstrichen hastig aufgetragen, grob zu Farbflecken gespachtelt oder durchlässig die darunterliegende Struktur bloßlegend, formen sich zu Stillleben, in denen das vage Angedeutete gleich wieder in Frage gestellt werden kann. Auch hier analogisieren durch den Zufall geleitete Farbspuren den im Werk von Anne Dahm-Puchalla immer wieder angesprochenen Prozess der Veränderung und Vergänglichkeit. Auch die Darstellung der Feder spricht dies an, ist hier nicht nur „Schreibfeder', sondern auch archaisches Symbol für die Vergänglichkeit der Wahrheit.

 

 In ihrer gemeinsamen Ausstellung schöpfen beide, Anne Dahm-Puchalla und Tobias Dahm, ein vergleichbares Spektrum bildnerischer Möglichkeiten aus, um das Thema „Beziehungen" aufzugreifen. Auch die Kamera als technisches Pendant zum Pinsel entfaltet eine Wirkungskraft, die ähnlich wie im malerischen Werk Farben manipuliert, das Motiv verfremdet oder vergleichbare Schwerpunkte anstrebt. Einzig durch ihren „inneren" und „äußeren' Zugang zu diesem Thema unterscheiden sich Mutter und Sohn in ihrer künstlerischen Aufarbeitung. Mit den Faktoren Zeit und Zufall als den unsichtbaren Synapsen jedes individuellen Lebensentwurfs unterstreichen beide das Empfinden eines engmaschigen Gefechtes von Beziehungen als Determinanten unseres Lebens. Niemand kann sich ihnen durch ein „nicht sehen" (Fotografie) entziehen.

 

 Gabriele Bundrock-Hill M.A.

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KUNST BEI HAUS UND GRUND 12.02.2010

 

 Anne Dahm-Puchalla, Jasmina Fries-Bogen: ECHO

 

 Im Kölner Haus und Grundbesitzerverein wird am 26. Februar 2010 um 19:00 Uhr eine Ausstellung eröffnet, die im Wortsinne vielschichtig ist.

 Die Faszination dieser Ausstellung mag gleichermaßen von den ausgestellten Werken selber ausgehen, wie von der Erprobung der Phänomene Echo, Verständigung und Erzählspur.

 Frei nach dem Motto: Malerei und Skulpturen resultieren aus einem Prozess des Zwiegespräches und evozieren dieses erneut mit dem Publikum. Zuweilen erwischt sich der Betrachter selber in einem intensiven  Dialog mit dem Profil des Ikarus, mit den zweckentfremdeten Buchdeckeln oder sucht nach Botschaften in den spontan Gesetzten Schichtungen der Malerei.

 Zwei Künstlerinnen unternehmen Exkursionen in die Bibel oder in die Zeit der Antike, die Arbeiten sind einem Motto unterstellt: „Was war, ist auch jetzt – was sein wird war schon!"

 

 Zusätzlich wird die Frage nach der Befindlichkeit des Menschen gestellt, so steht die geringe Reflektion über Wahrheit und Schuld  und die selbstgewählte Leichtgläubigkeit des Menschen auch im Blickfeld der beiden Künstlerinnen.

 

 Zwei künstlerische Medien Skulptur und Malerei offenbaren hier eine Qualität, die der Kunst generell innewohnt: Die Erprobung des Vertrauten und die Verbildlichung von Gedanken.

 Wer diese Ausstellung sieht, kann plötzlich mit den Ohren sehen, mit verborgenen Mächten reden und sich der Verstrickung aus Vergangenheit und Jetztzeit widmen, damit auch gleichzeitig Grenzbereiche ausloten zwischen Wissen und Erspüren!

 Die Arbeiten von Anne Dahm-Puchalla sind technisch von großer  Vielschichtigkeit und inhaltlich vom Spiel mit gängigen Vorstellungen geprägt. Zeit und Vergänglichkeit sind Themen mit denen Sie sich seit langem beschäftigt. Sie selber versteht ein Bild als eine Art von Momentaufnahme, als angehaltene Sequenz eines Filmes oder einen Zwischenschritt beim Erkennen der Welt.

 Die Arbeit „Bibliothek52“ aus dem Jahr 2010 steht exemplarisch für eine größere Serie von spontan abstrakter Malerei auf Buchdeckeln, die Schichtung und Verhüllung des Untergrundes steht wie ein Synonym für das verborgene Wissen der Bücher und allgemein für das schriftlich fixierte Wissen der Menschheit, welches in Büchern wohnt. Offensichtlich haben die Kratzspuren, die Farbwände und die Lasurschichten die Doppelfunktion auch als Metapher für  Veränderung und Vergänglichkeit zu stehen.

 

 Das traditionelle Genre der Bildhauerei wird in den Dienst der historisch-moralischen Hinterfragung gestellt in den Arbeiten der Künstlerin Jasmina Fries-Bogen. Ein Nachhall, der vom Trojanischen Krieg ebenso wie von Feldherren und Philosophen berichtet, Köpfe und Figuren aus Stein, Bronze und Ton sind ein Markenzeichen geworden für Zeitreisen, die die Künstlerin unternimmt.

 Der rote Faden, der oft weit zurückreicht, ist aber die Verstrickung mit ererbter Schuld mit der Nachhaltigkeit von Taten und mit der Eigenverantwortlichkeit des Menschen für alle seine Taten. Der Ikarus und die ausgestellten Skulpturen dienen als Dialogpartner für die historische Faktizität und die fröhliche Farbigkeit der gemalten Bilder.

  

 Die Werke der Ausstellung sind entstanden im Spannungsfeld zwischen dem Wissen um jede Nuance der Farbkopplung, dem spontanen Zufall und dem Mittel klarer Drastik  im Medium der Bildhauerei.

 Vordergründig scheint die Ausstellung geprägt von den ewigen Gesetzen von Struktur und Strenge, aber in der formalen Leichtigkeit und der grotesken Überzeichnung der Skulpturen offenbart sich auch eine akribische philosophische Recherche und eine wertfreies, versöhnliches Fragen nach dem Wesen der Dinge und nach der Conditio Humana.

 

 Text: Ute Kaldune

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aus Kölner Stadt-Anzeiger / Euskirchen vom 13.05.2009, 17:40h


„Fass mich nicht an - Berühr mich“


So lautet der Titel der aktuellen Ausstellung in der Galerie „Alte Schreinerei“. Dort sind derzeit rund 50 abstrakte Werke der Malerin Anne Dahm-Puchalla aus Köln und etwa 30 Holzarbeiten des Künstlers Bernd Schmidt aus Simmerath zu sehen. Schmidt erlangte den Meisterbrief im Drechslerhandwerk und war Meisterschüler von Prof. Gottfried Böckelmann in Hildesheim. Dahm-Puchallas Gemälde sind zumeist den Themen Vergänglichkeit und Wandel gewidmet. Die Kölnerin absolvierte seinerzeit ein Kunst- und ein Aufbaustudium der Kunsttherapie.
















Stefan Hackenberg, Anne Dahm-Puchalla, Thomas Hackenberg und Dr. Vera Tüns (von links) empfingen die Besucher. (Bild: Romanowski)

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aus der EIFEL ZEITUNG vom 25.03.2009:

 

 Frühling im Kulturhaus ALTE SCHREINEREI in Hillesheim

 

 Vernissage zur Ausstellung „Fass mich nicht an – Berühr mich“

 

 Hillesheim. Vom 28. März bis zum 30. Mai zeigt WortBildWiesbaum im Kulturhaus Alte Schreinerei in Hillesheim die Ausstellung „Fass mich nicht an – Berühr mich“ mit Werken von Anne Dahm-Puchalla und Bernd Schmidt. Mit den über 50 abstrakten Bildern von Dahm-Puchalla und den rund 30 Holzarbeiten des Drechslers Schmidt steht die Ausstellung diesmal unter einem Thema, dass auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt.

 

 „Fass mich nicht an – Berühr mich“ macht jedoch schnell klar, worum es bei der Ausstellung geht: Nicht das grobe, harte und plakative steht im Vordergrund, sondern die Aufforderung, sich auf die Exponate einzulassen und sich im Innern „berühren“ zu lassen. Bernd Schmidt sagt zu seinen Werken: „Meine Arbeiten sind Objekte mit und ohne Funktionszuweisung, die durch ihre moderne und reduzierte Form ansprechen und ein sinnliches Erleben mit Händen und Augen ermöglichen.“

 

 Ganz nebenbei führt er mit einem Exponat bis in die vorchristliche Zeit zurück. Aus einem alten römischen Brunnen hat er einen Eichenbalken retten können, aus dem er unter anderem ein Objekt wie eine Schale gefertigt hat. 2000 Jahre Geschichte in einem modernen Gewand, das berührt ungemein.

 

 Anne Dahm-Puchalla „berührt“ mit ihren Werken ebenfalls de Betrachter. Sie sagt über ihr künstlerisches Wirken: „Vergänglichkeit und Wandel sind meine bevorzugten bildnerischen Themen. Mit den Möglichkeiten der Malerei versuche ich dies in seiner Schönheit und Fragilität, seinem Verfall, seiner Flüchtigkeit, Brüchigkeit und Zerbrechlichkeit darzustellen."

 

 Seit einigen Jahren verwendet sie unter anderem Bildtitel, die größtenteils Zitate aus der Literatur sind, mit denen sie sich während der Entstehung ihrer Bilder beschäftigt hat, und die so auf eine ganz eigene Weise Einfluss auf die Gestaltung nehmen.

 

 Zur Vernissage am 28. März ab 19.00 Uhr im Kulturhaus ALTE SCHREINEREI in der Burgstraße 19 in Hillesheim besteht die Möglichkeit, mit den Künstlern über die Arbeiten zu sprechen. Die Kunsthistorikerin Dr. Ute Kaldune stellt zu dem Werke und Künstler vor. Weitere Informationen sind bei WortBildWiesbaum telefonisch unter 0162 / 9252929 zu erhalten.

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 Grau ist bunt

 

 (Auszug der Rede zur Ausstellungseröffnung am 19.9.09, Kanzlei Solmecke, Köln, Constantinstr.)

 

 Eva Degenhardt (PhilosophieKunst Köln)

 

 Die Auseinandersetzung und Leidenschaft der Künstlerin gilt den Farben. Für sie sind Farben „Taten und Leiden des Lichtes“ wie es Goethe einmal ausgedrückt hat. Dahm-Puchalla experimentiert mit der Lichtqualität der Farben. Sie untersucht die Wirkung die neben einander liegende Farben auf einander ausüben und setzt verschiedene Prinzipien des Kontrastes ein. Sie schichtet die Farben und manchmal mischt sie sie solange, bis ein alles vereinigendes Grau entsteht. Ihre Bilder wirken immer leicht, fast schwebend und zeugen dennoch oder vielleicht gerade deswegen von einem intensiven Prozess der Auseinandersetzung und des Werdens. Der „Leichtigkeit des Seins“ stehen Achtsamkeit und Konzentration von Seiten der Künstlerin gegenüber. Dahm-Puchalla beherrscht ein breites Spektrum des farblichen und gestischen Ausdrucks, ohne je gegenständlich zu werden. Ihre Kunst ist das Ergebnis eines intensiven Prozesses. Die Künstlerin akzeptiert den Zufall als Mitschöpfer, sie ist geübt in einer konzentrierten Achtsamkeit.

 

 Die Bilder Dahm-Puchallas sind zeitlos und würdigen gleichzeitig den Augenblick, sie scheinen zu schweben und lassen dennoch der Materialität ihren Raum. Die Bilder berühren unsere Sinne und fordern im selben Augenblick das Nachdenken über die Welt heraus. Sie bündeln in sich die Energien der Farben und strahlen sie in die Umgebung aus.

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Einführung in das künstlerische Werk von Anne Dahm-Puchalla gehalten am 7.4.2005 anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Kölner Bank

 

 Verfasst von Dr. Sabine Schütz ,M.A

 

 ...Besonders fasziniert Anne Dahm-Puchalla das Phänomen der Zeit mit all seinen auch beunruhigenden Aspekten - etwa des Alterns und Vergehens - und nicht zuletzt ist ja auch jedes Gemälde ein Dokument seiner eigenen zeitlichen Entstehung. Was ist überhaupt Zeit, was macht sie mit uns und mit den Dingen? Und woran macht der Künstler die Zeit fest? Früher, in der klassischen Malerei, gab es ein ganzes Feld von Symbolen um das Thema der Vergänglichkeit: Flüchtige Dinge wie Kerzen, Musikinstrumente, Seifenblasen gehörten dazu, und auch z.B. Bücher. Daran erinnert ein eher ausgefallenes Doppel-Stilleben von Dahm-Puchalla, ausgefallen, weil es sich näher mit der sichtbaren Realität einläßt als die meisten anderen Arbeiten aus der Paar-Reihe, aber auch wegen seines kontrastreichen Kolorits. Wir sehen je einen Stapel aus aufgetürmten, z.T. geöffneten Büchern, die uns ihre bunten Rücken zeigen, einzelne Seiten wurden als Originale eincollagiert. Auch ein Kunstbuch befindet sich darunter, aufgeschlagen auf der Seite mit Francisco Goyas nackter Maja. Dies kann durchaus als ein dezenter Hinweis auf eines der zahlreichen kunsthistorischen Vorbilder aufgefasst werden.

 

 Doch auch ganz andere, stillere und ambivalentere Bilder hat Anne Dahm­Puchalla für das Phänomen der Vergänglichkeit geschaffen. Eine großformatige Arbeit in leuchtendem Rot aus dem Jahre 2003 rekurriert auf die uralte Symbolik der Zahl vier, die z.B. bei den Ägyptern die Zeit versinnbildlichte. Ein Jahr vergeht in vier Jahreszeiten, ein Menschenleben in vier Lebensaltern. Vier mal vier quadratische Blätter, die je noch einmal längs und quer in vier Felder gefaltet wurden, greifen die Zahl 4 auf, zugleich erinnert diese Vierteilung an das Kreuzsymbol, welches Dahm-Puchalla auch in anderen Zusammenhängen einsetzt, z.B. in dem Bildpaar „Wegkreuzung". Nicht nur als christliches Glaubenssymbol ist der Künstlerin das Kreuz wichtig, sondern auch als elementare Chiffre für die Himmelsrichtungen bzw. die vier Dimensionen - also für den Zeiten­Raum, der uns alle umgibt.

 

 Ein anderes Bild für die vergehende Zeit fand Dahm-Puchalla in den Verwitterungen der Oberflächen, die ihre Bilder manchmal an altes, bröckliges Mauerwerk erinnern läßt. Die Farbe hat in solchen Bildern manchmal ihren eigenen Weg genommen, sie verläuft in Rinnsalen und Spuren, bricht stellenweise auf oder blättert ab wie eine alte vertrocknete Haut.

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Vom Einmaleins einer Übersetzerin

  

 (Auszug der Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Kanzlei Solmecke, Siegburg , gehalten von

 Ute Kaldune, M.A., Kunsthistorikerin aus Köln am 16.5.04)

 

 Anne Dahm-Puchalla unternimmt Reisen zu verwunschenen Orten, zu morbiden Themen und zu Zeitzonen längst vergessener Perioden unseres Planeten. Das Reich des Verfalls ist gleichberechtigt neben Phänomenen wie Endlosigkeit, Schwerkraft, Zeittaktung und Spurensuche zu finden...

 

 Abstraktion, metaphorische Sprache und systematische Verhüllung sind die Instrumente, mit denen sie die Oberfläche der Welt quasi transformiert auf einen Spiegel, die Leinwand, die einer vom Leben gezeichneten Haut ähnelt....

 

 Die technische Seite der Arbeitsweise ist doppelbödig: es stehen die gestische, schnelle Pinselspur mit ihrem Verbündeten, dem Zufall, gleichberechtigt neben Sprachformen aus neuesten Bildern, die Zahlensymbolik oder geometrische Präzision instrumentalisiert haben. Ganz häufig fällt thematisch und auch technisch die Dualität auf, die die Arbeiten aufweisen....

 

 Gehorcht wird in dieser Werkstatt einer Dolmetscherin, die sich dem Experiment und der Verhüllung verschrieben hat.

 

 Das Quadrat als Symbol für den vom Menschen geschaffenen Raum und das Statische wird neben bevorzugt abstrahierten Landschaftsbeschreibungen und freien Arrangements zum Thema Wachstum und Zeitlichkeit völlig gleichwertig eingesetzt....

 

 Sie selbst ist hochpotente Zusammenfassung aus Erfahrung, Erlebtem und systematisch seziertem Phänomen.

 

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 © Copyright  Anne Dahm-Puchalla